Impressionen zur Vernissage "Erkenne dich selbst"










Dr. Thomas Regehly war leider durch Krankheit verhindert, Fr. Bettina Stadtmüller hat sich kurzfristig bereit erklärt, die Laudatio zu halten:
"Guten Abend und herzlich willkommen zur Ausstellungseröffnung von „Erkenne dich selbst“ mit Ölgemälden und Fotografien von Frank Grüttner.
Meine erste Begegnung mit dem Künstler war im August 2006 anlässlich seiner Vernissage „Bindungen“ in der Stuttgarter Galerie Zero Arts.
Leider kann der Galerist und Freund Georg Zaiß heute Abend nicht anwesend sein, da er zeitgleich eine Ausstellungseröffnung in seiner eigenen Galerie hat.
Zurück zu den Anfängen.
Von der Kraft und Tiefe der dort ausgestellten „Warmfeldbilder“ und der einzigartigen Technik seiner Malerei war ich sofort stark beeindruckt.
Zu dieser Technik im Allgemeinen und den roten Warmfeldbildern im Besonderen werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch zu sprechen kommen.
Im Laufe der vergangenen Jahre durfte ich den Künstler und sein Oeuvre durch Besuche in Frankfurt und die Besichtigung des seit 2004 bestehenden Grüttner-Museums im Frankenwald näher kennenlernen.
Ein Katalog dieser seit über 30 Jahren gewachsenen Sammlung mit Schlüsselwerken aus dem Schaffen Frank Grüttners erscheint voraussichtlich Ende 2010.
Die Begegnungen mit ihm und seinem Werk sind in vielerlei Hinsicht eine große Bereicherung und Anregung für mich und meine künstlerische Tätigkeit. Zum Beispiel für das folgende, kleine Gedicht, das Sie in einem Buch, das 2010 erscheinen wird, wiederfinden können:
Weißer Zwerg
Begegnungen
So intensiv und dicht
Dass kein Nichts
Zwischen die pulsenden Atome passt
So kraftvoll
Dass selbst deren Kerne sich
Wie Kirschen im Einmachglas verformen
Und Anziehungskräfte
Umlaufbahnen ändern
Der Ausnahmemaler Frank Grüttner kann einen beeindruckenden Lebenslauf vorweisen:
1940 in Berlin geboren, studierte er außer Kunst und Architektur auch Medizin.
1967 bis ca. 1980 entstehen Zeichnungen und Gemälde mit altmeisterlich ausgeführten, bestechend schönen Landschaften im Stile der Wiener Surrealisten.
Die Frankfurter Galerie Sydow, die sich dem phantastischen Realismus verschrieben hatte, zeigte 1969 zum ersten Mal seine Bilder. Ausstellungen in Köln, Düsseldorf, Wien, Basel und Melbourne folgten.
1971 begegnete er Francis Bacon, Frank Grüttner malt ein grandioses Bild von ihm: „Portrait of the artist as a young man“.
Seit 1971 am Main lebend, durchstreift Grüttner täglich in langen Wanderungen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, die Stadt. Beobachtet und analysiert sie und ihre Bewohner mit wachen Augen.
Er malt großformatige Portraits von „Stadtmenschen“,
Das hessische Fernsehen dreht einen Film über diese Entwicklung weg von seinem surrealistischen Werk. 1995 widmet der saarländische Rundfunk ihm und seinem Werk den einstündigen Film „Malen wie Mord und Todschlag“, der in allen dritten Programmen und Sat1 auf Sendung ging.
Sein Atelier, seine Wohnung werden für Fundstücke der täglichen Streifzüge durch Frankfurt zu einem Kunstwerk in Glaskästen. Jeder Kasten steht für ein Jahr seines Lebens.
Seit 1985 hat der Maler außerdem auf unzähligen, mittlerweile wahrscheinlich weit über 30.000 Seiten, gebunden zu Büchern, jeden Tag seine Gedanken festgehalten und mit Fundstücken, Zeichnungen, Collagen et cetera angereichert.
Die Schriftstellerin Ria Endres, auf die ich noch kommen werde, sagte dazu in einem Essay über Frank Grüttner:
Beim Durchblättern der zwanzigtausend Seiten beginnen wir, die Welt neu zu sehen. Wie vieles doch übrig bleibt und in einer geheimen, fremden Zuordnung beinahe für die Ewigkeit bestimmt zu sein scheint. Je länger wir durch die Bücher blättern, umso kleiner fühlen wir uns.
Seit 1996 malt Frank Grüttner „Warmfeldbilder“, monochromes Rot auf roher Leinwand.
Ich zitiere dazu seine Biografin Ria Endres aus: Das Körpertheater des Malers Frank Grüttner von 1999, S. 34+37, 49+50
Da ist die Leinwand, eine Projektionsfläche für Farbe. Da ist die Farbe Rot, verbunden mit der Oberfläche der Leinwand, fast monochrom, unruhig. Durch den Pinsel hat sich etwas anderes als die Farbe Rot auf die Leinwand gedrückt. Eine ganz andere Wirklichkeit als die Vorgefundene. Das Auge des Betrachters sucht Halt.
…
Das Auge des Betrachters ist hier auf den ersten Blick ratlos, kann keine Billigreise mit Illusionen machen, es gibt bei Grüttner kein Sonderangebot des Sehens.
Rot löst andere Empfindungen aus als andere Farben. Rot hat etwas aggressives, kommt dem Betrachter entgegen, springt ihn an, saugt die Blicke auf. Rot als Herausforderung. Wer würde nicht an Blut denken. …
Vielleicht ist es nicht uninteressant zu erwähnen, dass das Embryo im Mutterleib die Farbe Rot als erste Farbe wahrnimmt, dann nämlich, wenn die Sonne auf den Leib der Mutter scheint.
…
Uns zieht die starke Leuchtkraft der faszinierenden roten Farbe an. Ein Rot, das ins hauchdünne Rosa ausweichen kann, oder dick und dunkel fast schwarz wirkt. Das Rot des Feuers, das Rot des Blutes, der Sonne, wer will das entscheiden. Die Raffinesse Grüttners lässt keine Eindeutigkeit zu.
Rot als Ausdruck des Lebens oder der Zerstörung, durchdrungen von Realität.
Der Maler arbeitet mit dem Paradox: Intensität und Auslöschung. Frank Grüttner macht unsichtbare Kräfte sichtbar, mehr kann man nicht erwarten. Auf seinen Bildern sehen wir, dass es also immer noch das Abenteuer der Malerei gibt.
Die Warmfeldbilder sind wie das ebenfalls gezeigte Fotoessay „Wasserflächen“ ein Work in progress und somit Teil seines aktuellen Schaffens.
In jüngster Zeit beschäftigte er sich für die Schopenhauer-Gesellschaft in Frankfurt am Main ausführlich mit Schopenhauers Gesicht.
Es entstehen über 30 großformatige Zeichnungen und Ölskizzen für das große Schopenhauerportrait im Auftrag von Dr. Thomas Regehly.
Das Portrait ist als Dauerleihgabe im Schopenhauerarchiv der Universität zu Frankfurt am Main zu sehen. Der nummerierten Vorzugsausgabe der 5-bändigen Schopenhauer-Werke von Ludger Lütkehaus ist ein Druck des Bildes beigegeben.
Frank Grüttner, der intensive Leser und Verehrer von Arno Schmidt und Arthur Schopenhauer, beherbergt in seiner über die Jahrzehnte zusammengetragenen, raumgreifenden Bibliothek Werke der Weltliteratur, die ihn seit seiner Kindheit begleiten. Er hat sich mit der Erarbeitung des einzigartigen Schopenhauer-Portraits einen lang gehegten Traum erfüllt.
Seit 1999 beschäftigt er sich mit der Serie „Erkenne dich selbst“. Hiervon sehen sie eine kleine Auswahl in der heutigen Ausstellung, die in ähnlicher Form im Anschluss in Bad Hersfeld ebenfalls zu sehen sein wird.
Sie war zuvor bereits 2006 in der erwähnten, Stuttgarter Galerie Zero Arts bei Georg Zaiß. Einen Besuch in der Galerie kann ich Ihnen sehr empfehlen! Georg Zaiß betreibt diese kleine, von einem Verein mitgetragene Galerie mit großem Engagement seit einigen Jahren im Stuttgarter Osten.
Apropos Engagement: An dieser Stelle möchte ich ganz herzlich bei Herrn Klaus Eggert bedanken, der im letzten Jahr meine erste, eigene Ausstellung „Kommen und Gehen“ hier im Bezirksrathaus Untertürkheim ermöglichte und nun dem weitaus renommierteren Künstler Frank Grüttner sozusagen „Sein Haus“ zur Verfügung stellt. Untertürkheim kann sich glücklich schätzen, einen so engagierten und integren Ortsvorsteher zu haben!
Nun wage ich einen Ausflug zu den Ursprüngen der philosophischen Äußerung „Erkenne dich selbst“.
„Gnothi sauton“ lautete die viel zitierte Forderung an der Säule einer Vorhalle des Apollo-Tempels zu Delphi.
Sie wird Heraklit zugeschrieben und weist ihm zufolge auf die Begegrenztheit und Hinfälligkeit des Menschen hin.
Platon interpretierte diese Weisheit später dahingehend, dass der Mensch sich als das erkennen solle, was er sei. Nämlich eine in einem Körper wohnende unsterbliche und gottähnliche Seele.
Kleine Bemerkung am Rande: Diese unsterbliche Seele wird im Brahmanismus als ATMAN bezeichnet. Der vom Künstler verehrte Arthur Schopenhauer nannte alle seine Pudel „Atman“. Rief sie aber „Butz“ und schimpfte sie „Mensch“…
Doch zurück zu „Erkenne dich selbst“.
Lateinisch lautete die Forderung „Nosce te ipsum“. Cicero schrieb, der Sinn des Spruches beschränke sich nicht darauf, die Anmaßung einzudämmen, sondern sei auch eine Aufforderung, das eigentlich Gute zu erkennen.
Sich selbst also den Spiegel vorzuhalten.
Der Spiegel als Symbol der Selbsterkenntnis, der Wahrheit und Klugheit.
Und genau das ist der Bezug zu den hier gezeigten Arbeiten des Fotoessays „Wasserflächen“. In der Wasserfläche verbinden sich zwei Symbole in geradezu idealer Weise.
Wasser als Ursymbol, das das eigene Seelenleben mit den bewussten und unbewussten Inhalten verkörpert. Es steht auch für Reinigung, Läuterung, eine spirituelle Wiedergeburt.
Mit der Reflexion in einem Spiegel wird im Buddhismus die gesamte Existenz des Menschen verglichen.
Frank Grüttner sieht Wasser als Sinnbild der Zeit und meditativen Ort der Selbsterkenntnis.
Dazu möchte ich gerne kurze Schlüsselpassagen aus Hermann Hesses „Siddhartha“ zitieren:
(Hermann Hesse, „Siddhartha“ (Suhrkamp Verlag), S. 96, 101, 102)
Vielleicht haben Sie jetzt Lust bekommen, mal wieder ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Jetzt, in der stilleren Jahreszeit, bietet sich ja auch die Gelegenheit dazu.
Im Herbst und Winter, speziell in Krisenzeiten, zieht sich der Mensch zurück, besinnt sich auf das wirklich Wichtige.
Die heute und bis zum elften Dezember zu sehenden Werke des Künstlers Frank Grüttner laden sie zu einer besonderen Reise ins eigene Ich ein.
Betrachten Sie die Ausstellung, vertiefen Sie sich in die Wasserflächen und versuchen Sie, die eigenen Untiefen zu ergründen.
Suchen Sie nach Vertrautem in seinen Bildern, nach bekannten Gesichtern naher Verwandter, von Freunden und sich selbst. Es lohnt sich!
Denn das Wichtigste und zugleich spannendste im Leben ist meiner Meinung nach, sich selbst zu entdecken, zu erkennen und zu akzeptieren. Dazu kann die Kunst, das kollektive Gedächtnis der Menschheit, beitragen und dieser Reichtum ist nicht in Titeln und Euros zu beziffern.
Wir erleben gerade, wie flüchtig und vergänglich,
wie hinfällig diese Attribute einer Wohlstands-Gesellschaft sind.
Wenn Sie dennoch in der glücklichen Lage sind, nach lohnenden Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten zu können, werden Sie heute sicherlich fündig.
Hierzu als Abschluss ein Zitat von Alan Greenspan, dem ehemaligen Vorsitzenden der US-Notenbank:
„Wer etwas Beständiges sucht, sollte lieber Kunst erwerben“
Im Januar 2010 wird es die Gelegenheit zu einem Atelierbesuch bei Frank Grüttner in Frankfurt geben. Wenn Sie daran Interesse haben, tragen Sie sich bitte in die ausgelegten Kontaktlisten ein oder sprechen Sie Herrn Grüttner beziehungsweise mich an.
Jetzt gebe ich das Wort zurück an den Herrn Klaus Eggert. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen einen interessanten und schönen Abend mit netten Menschen und immer ein Lächeln auf den Lippen."
